It‘s Showtime!

Wieder einmal tun bestimmte Presseorgane so, als sei der Lübecker Pleiteflughafen so gut wie gerettet. Ein nettes, unverbindliches Wort vom Hamburger Bürgermeister; ein sogenannter, vermutlich ebenso unverbindlicher Kooperationsvertrag mit dem Flughafen Fuhlsbüttel – und alles wird gut.

In gewohntem Stil übertreibend vermeldeten die Lübecker Nachichten am 29. Februar 2012:

Neues Kapitel für den Flughafen: Ein Vertrag mit Hamburg steht vor dem Abschluss.

Das erinnert schon an die immer wieder beschworenen himmlischen Hochzeiten, die sich allesamt als Luftnummern herausgestellt haben. Wird das ständige stupide Gejubel nicht irgendwann mal langweilig?

Runway Sharing? Alter Hut

Die Vereinbarung mit Fuhlsbüttel sehe beispielsweise die gegenseitige Nutzung der Start- und Landebahnen vor, so der Bericht.

Schon jetzt komme es in Fuhlsbüttel hin und wieder zu Engpässen, so jüngst anlässlich eines großen, internationalen Fußballspiels. Außerdem könne in Blankensee auch mal nachts gelandet werden.

Eine Welt-Idee, würde Dittsche sagen: das volle Programm! Nur ist sie leider überhaupt nicht neu. Gerade Promi-Nachtflüge in Hamburg auftretender „Stars“ (Musiker, Fußballmannschaften etc.) hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben – sie wichen auf den Ersatzflughafen Lübeck aus, weil in Hamburg zur Zeit ihres geplanten Abflugs bereits das Nachtflugverbot griff. Mitteilungen über nächtliche „Superstar-Flüge“ ab Lübeck statt Hamburg stellen demzufolge gefühlte 50% der gesammelten Pressemitteilungen der Flughafen Lübeck GmbH der letzten Jahre dar.

Ob man das begrüßt oder auch nicht: dafür war und ist kein Vertrag nötig. Flughäfen haben eine Betriebspflicht und müssen jedes Flugzeug landen oder starten lassen, das dort landen bzw. starten will (soweit technisch möglich).

Ferner wird möglicherweise der falsche Eindruck entstehen, daß Flugzeuge, die in Hamburg nicht landen können, automatisch und zwangsweise nach Lübeck umgeleitet werden – und umgekehrt. Auch das ist nicht der Fall: die Entscheidung über einen Ausweichflughafen liegt ausschließlich bei der betroffenen Fluggesellschaft.

So weicht Ryanair, wenn man mal wetterbedingt in Lübeck nicht landen kann, keineswegs nach Hamburg aus, sondern nach Bremen (da dürfte dann immer wieder großes Hallo bei den Passagieren angesagt sein). Das ist vermutlich billiger, und zudem unterhält Ryanair in Bremen eine Basis, sodaß ein dort gelandetes Flugzeug wesentlich besser und schneller wieder in den regulären Betriebsablauf eingegliedert werden kann als von Hamburg aus, das Ryanair schon aus Prinzip meidet wie der Teufel das Weihwasser.

Das selbe gilt natürlich auch für die immer wieder propagierte, von konventionellen Medien nie ernsthaft hinterfragte, Schnapsidee von Lübeck als dritter Start- und Landebahn für Fuhlsbüttel. Niemand kann Fluglinien zwingen, im Falle von Engpässen in Hamburg automatisch nach Lübeck zu fliegen. Die unmittelbare geographische Nähe, das Beispiel Ryanair beweist es schon heute, ist dabei nicht erheblich.

Und sonst…?

Der Rest der Vereinbarung, soweit bekannt, haut einen auch nicht gerade vom Hocker. Austausch von Auszubildenden, Zusammenarbeit bei Umweltschutz- und anderen Projekten, regelmäßige Treffen der Flughafen-Chefs und anderer Fachleute. Auch dazu bedarf es wohl kaum eines Vertrags.

Geradezu komisch wird der LN-Artikel, wenn er anmerkt:

Bislang hatte es aus Hamburg wenig konkrete Aussagen zu einer möglichen Zusammenarbeit gegeben.

Konkrete Aussagen von dort gibt es derzeit wohl auch nicht; sämtliche berichtete Angaben stammen schließlich vom Lübecker Flughafengeschäftsführer Hon.-Prof. Dr.-Ing. Jürgen Friedel – und die für konkret zu halten, wäre relativ anspruchslos. Das muß nicht seine Schuld sein; die Lübecker Nachrichten übersehen nämlich gerne mal etwas. Das findet sich in diesem Fall bei dpa (via airliners.de) wieder:

Das Kooperationsabkommen werde Lübeck-Blankensee nicht retten, aber es könne helfen, wirtschaftlicher zu arbeiten, sagte Friedel.

Selbst dann bleibt der Eindruck, daß für die geplanten Maßnahmen eine Vereinbarung keineswegs nötig ist, und daß es sich dabei eher um platten Symbolismus handelt – nett ausgedrückt. Show oder Public Relations sind andere Ausdrücke, die die geplante Beeinflussung der öffentlichen Meinung bezeichnen.

Das ist nicht unzulässig, aus Sicht des Flughafens sogar nachvollziehbar. Nicht aber aus der Sicht der Leser der einzigen Lübecker Lokalzeitung, die sich einmal mehr zum Flughafen-Sprachrohr macht und es schafft, in dem erwähnten Artikel nicht eine einzige kritische Frage zu stellen, sondern nur papageienhaft nachplappert. Aber das kennt man ja schon seit langem (allzu seltene Ausnahmen bestätigen die Regel).

Klingt irgendwie bekannt

Und jetzt zu etwas ganz anderem.

Warum sollte ein potentieller Leser sehr viel Geld ausgeben und eine Zeitung abonnieren, die zu fünfzig Prozent aus Werbung, zu 45 Prozent aus Agenturmeldungen, die man überall lesen kann, und zu fünf Prozent aus Kommentaren bestehen, die langweilig sind und doch nur dem konservativen und neoliberalen Dogma folgen? Anstatt umzudenken und sich auf die originären Aufgaben des Journalismus zurückzubesinnen, verstärken die Zeitungen den Trend abermals, indem sie aus Kostengründen Mitarbeiter entlassen, sich mit anderen Zeitungen redaktionell zusammenschließen und schlussendlich noch mehr Agenturmitteilungen abdrucken.

Anstatt investigativ zu arbeiten und die vorherrschenden Positionen zu hinterfragen, werden lieber günstige PR-Artikel übernommen.

Ich weiß nicht, wie dieses Zitat aus dem neuen Buch „Stresstest Deutschland – Wie gut sind wir wirklich?“ von Jens Berger (Westend-Verlag, ISBN 978-3-86489-002-4, Seite 44) hier hineingeraten ist. Es erinnert mich nur dunkel an etwas.

Ach so, Berger hat noch eine Empfehlung:

Schreiben Sie Leserbriefe, kündigen Sie das Abo, und suchen Sie Alternativen im Internet! Nur diese Sprache wird von den Verlegern auch verstanden.