Wundervolles Wespennest Weeze

Zu jedem Hollywood-Schmachtfetzen gehört, bei aller Dramatik und Tragik, immer auch ein Hoffnungsschimmer – der Silberstreifen am Horizont. Ebenso produziert die industrielle Traumfabrik „Regionalflughäfen in Deutschland“ als Standardelement immer ein positives Beispiel, das beweisen soll, daß das Konzept eben doch funktionieren kann. (Was natürlich nicht zwangsläufig heißt, daß es überall funktionieren muß, aber das nur nebenbei.)

Jahrelang wurde der staunenden Öffentlichkeit in kompletter Verkennung wirtschaftlicher Daten „Frankfurt“-Hahn als Musterknabe vorgeführt, einzig und allein auf der Grundlage stark steigender Passagierzahlen. Kaum krachte das Modell Hahn – vermutlich gerade wegen steigender Passagierzahlen – in sich zusammen und mußte vom Land Rheinland-Pfalz vorläufig auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden, wurde das nächste weiße Kaninchen aus dem Zylinder gezaubert: der Flughafen Niederrhein („Düsseldorf-Weeze“).

Die vergebliche Anbetung eines Wirtschaftswunderknaben

Kaum verwunderlich, daß der Lübecker Flughafen-Lobbyverband „Check-In“ Ludger van Bebber zu einem mutmachenden Vortrag einlud. Sehr verwunderlich hingegen, daß die hiesige Monopolpresse diesem Nicht-Ereignis einen Artikel widmete, der zudem gravierende handwerkliche Mängel aufweist. So wird im Text schlampigerweise nicht mal erwähnt, welche Funktion Herr van Bebber hat, nämlich Geschäftsführer des Flughafens Niederrhein sowie zahlreicher anderer Firmen im Dunstkreis desselben.

Der hatte zum Thema „So macht es der Airport Weeze“ aber nur Platitüden anzubieten, wenn man dem Artikel glauben darf (unter der Annahme, daß die Autorin beim Vortrag anwesend war und ihn sinnentnehmend zusammengefaßt hat).

Immerhin hat man Herrn van Bebber auch noch zusätzlich interviewt, und dort auch korrekt seine Funktion angegeben, aber auch da gibt es nicht viel mehr als Wischi-Waschi anstelle von Fakten und Zahlen.

Im Artikel zur „Check-In“-Veranstaltung hieß es:

Zum Start gab das Land 3,7 Millionen Euro. 45,1 Millionen Euro hat der reiche Niederländer Herman Buurman in den Airport Weeze gepumpt.

Die Niederländer „laufen erst los und checken dann den Weg“, so Herr van Bebber, der allerdings ein ebenfalls gewährtes Darlehen des Kreises Kleve und der Gemeinde Weeze in Höhe von fast 27 Millionen Euro nur indirekt anspricht. Ab Januar würden die Zinsen für diese Darlehen zurückgezahlt.

Delikat… diese Irreführung muß man sich auf der Zunge zergehen lassen! Zinsen werden bekanntlich nicht zurückgezahlt, sondern gezahlt. Das eigentliche Darlehen würde zurückgezahlt werden müssen – aber nicht von der Flughafen Niederrhein GmbH, jedenfalls nicht vor 2016. Auf diesen verbalen Roßtäuschertrick sind die Lübecker Nachrichten, vielleicht auch „Check-In“-Mitglieder, voll hereingefallen. Denn tatsächlich stand Weeze gerade erst kurz vor der Insolvenz, laut RP Online vom 9. Juli 2010:

Dramatische Situation des Airports: Ohne Stornierung des Kreis-Darlehens hätte die Insolvenz der Flughafengesellschaft Niederrhein gedroht. Kreistag stimmte Stundung zu. …
Das Kreis-Darlehen für den Investor beträgt 26,8 Millionen Euro. Vor fünf Jahren sind alle Kredite an Buurman in einem Paket gebündelt worden. Mit Zinsen und Zinseszinsen wären nach RP-Informationen Ende des Jahres insgesamt fast 34 Millionen Euro für die Kreiskasse fällig gewesen. Allerdings sieht der Beschluss des Kreistages vor, dass die Zinsen für diese Summe ab 2011 vierteljährlich überwiesen werden müssen. So bleibt der Betrag bei 34 Millionen Euro, die 2016 gezahlt werden müssen.

Gerade mal knapp an der Insolvenz vorbei, aber für „Check-In“ und die LN den großen Larry machen. Was soll das – Pleitegeier unter sich? Motivationsstiftende Selbsthilfegruppe notleidender Flughäfen? Lächerlich. Aber „Lübecker Nachrichten“ und „eigenständige Recherche“ sind offenbar Gegensätze – im Gegensatz zu „Nachplappern“.

Was macht Weeze denn nun anders?

Das heißt nicht, daß man sich nicht mit dem Flughafen Niederrhein befassen sollte, weist er doch immerhin in seiner letzten veröffentlichten Bilanz (2008) einen bescheidenen Gewinn von etwas über 700 000 Euro aus, wenngleich vor Zinsen, Steuern, und Abschreibungen (EBITDA). Das schafft Lübeck nicht, und so ist die Frage, was Weeze anders macht, durchaus berechtigt. Die Antwort wird nicht jedem gefallen (und die hiesige Monopolpresse erwähnt sie selbstverständlich auch nicht).

Überfliegt man die jeweils letzten veröffentlichten Bilanzen der Flughafen Niederrhein GmbH und der Flughafen Lübeck GmbH, wird man einen erstaunlichen Unterschied finden: die Zahl der Beschäftigten. Die war in Lübeck, bei lediglich einen Drittel des Passagieraufkommens in Weeze, mit 119 mehr als doppelt so hoch wie in Weeze mit 54.

Zwar bezahlen beide Gesellschaften ungefähr das selbe an Lohnkosten und Sozialabgaben, nämlich 3,4 Millionen Euro (Weeze) und 3,7 Millionen Euro (Lübeck). Aber damit fangen die Unterschiede erst an, denn demzufolge hat ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Weeze rund 62 000 Euro pro Jahr gekostet, in Lübeck jedoch nur 31 000 Euro. Man muß nicht viel Phantasie haben, um zu raten, welche Gesellschaft deutlich mehr geringfügig Beschäftigte hat.

Richtig pikant wird es, wenn man Personalkosten in Relation zu den abgefertigten Passagieren setzt. In Weeze entfielen auf einen Passagier 2,20 Euro – in Lübeck über das dreifache, nämlich 6,76 Euro.

Das Gegenargument, verkürzt dargestellt: das vorhandene Personal in Lübeck könnte bei gleichbleibenden Kosten wesentlich mehr Passagiere abfertigen als bisher. Es müsse im Moment ja leider während der Öffnungszeiten vorgehalten werden, auch wenn es nichts zu tun hat.

Das wirft aber zwei weitere Fragen auf.

Wenn dem so ist: Wieso beschäftigt man in Lübeck jetzt, und offenbar seit Jahren, eine Anzahl von Arbeitnehmern, die dreimal so viele Passagiere abfertigen könnte, wo doch derzeit – und auf absehbare Zeit – keinerlei Notwendigkeit dafür besteht? Weeze kommt selbst jetzt dafür schließlich mit der Hälfte der Arbeitsplätze aus.

Und kann mit der selben Anzahl Arbeitnehmer wie heute in Lübeck wirklich die dreifache Anzahl Passagiere abgefertigt werden? Sehen wir wieder nach Weeze, und zwar ins Geschäftsjahr 2006, in dem ungefähr so viele Passagiere abgefertigt wurden wie im Lübecker Geschäftsjahr April 2008 bis März 2009.

Die Erfahrungen aus Weeze sprechen dagegen: Ende 2006 hatte die Flughafen Niederrhein GmbH 38 Mitarbeiter. Die Verdreifachung der Passagierzahlen zog also bis 2008 eine Erhöhung der Anzahl der Mitarbeiter um immerhin 42% (und entsprechende Lohnkosten) nach sich.

Das letzte Tabu

Hier sticht man natürlich nicht nur in ein Wespennest, sondern verletzt auch das letzte politische Tabu, das es in unserer Gesellschaft noch gibt: Arbeitsplätze (welcher Qualität sie auch immer sein mögen – Hauptsache, sie schönen die Arbeitslosenstatistik).

Ich gehe jede Wette ein: keine der in der Lübecker Bürgerschaft vertretenen Parteien, Gruppierungen und Personen wird das Thema, ob der Flughafen nicht möglicherweise viel zu viele Mitarbeiter (z.B. im Vergleich zu Weeze) beschäftigt, um wirtschaftlich zu operieren, auch nur mit der Kneifzange anfassen.

Mein Wetteinsatz? Platz auf blankensee.info für einen Gastbeitrag, der auch nur eine Überprüfung der derzeitigen Beschäftigungssituation am Flughafen Lübeck fordert – zumal selbst bei dem minimalen Winterflugplan 2010/2011 nicht mal Kurzarbeit ansteht, wie zunächst angedacht und dann wieder verworfen, geschweige denn Entlassungen.